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Sozial-ökologische Problemlage Agrobiodiversität

 
Im Rahmen der globalen Umweltprobleme und -politik kommt der Biodiversität ein zentraler Stellenwert zu. Spätestens seit der Verabschiedung der Biodiversitätskonvention/ Convention on Biological Diversity (CBD) ist das Thema auch auf der globalen politischen Agenda. Durch die Behandlung des Themas Agrobiodiversität im Rahmen der CBD (1995, 1999a, b), der FAO (1983, 1996a, b; 1999a, b) und anderen internationalen Abkommen (UPOV 1991, WTO 2000) wird auch die landwirtschaftsbezogene Artenvielfalt international diskutiert. Das Handlungsfeld wird erst gestaltet und erfordert wissenschaftlichen Input, gesellschaftliche Diskussionsprozesse, den Einbezug relevanter Akteure und die Rückkoppelungen der Verständigungsprozesse auf nationaler und internationalen Ebene.

Wesentliche sozio-ökonomische Entwicklungstrends, die sich auf die Agrobiodiversität au
swirken, werden in der Folge kurz skizziert.
 
  • ökonomische Entwicklung: Eng verbunden mit den ökologischen Nebenfolgen der Modernisierung landwirtschaftlicher Produktionssysteme sind technologische Entwicklungen (u.a. Chemisierung landwirtschaftlicher Inputfaktoren), die Öffnung der Märkte bis hin zu ihrer Globalisierung und die Transnationalisierung der Marktakteure (Lebensmittel- und Saatgutkonzerne, Life Science Unternehmen etc.). Aber auch Aspekte der Normung bspw. im Rahmen der EU (EU-Apfel) tragen zur Homogenisierung bei. In der Lebensmittelindustrie werden zunehmend homogenisierte Inputfaktoren eingesetzt, obwohl in den Marketingstrategien die Diversität der Produkte einen hohen Stellenwert einnimmt. Gleichzeitig ist festzustellen, dass lokale und regionale Erhaltung, Produktion und Vertrieb kleiner, teilweise gefährdeter Pflanzensorten bzw. seltener Tierrassen durch bäuerliche Einzelbetriebe wertvolle Beiträge zum Schutz von Agrobiodiversität leisten. Die Honorierung ökologischer Leistungen ist gerade hier wenig entwickelt.

  • züchterische Entwicklungen: Die Kriterien der Saatgut- und Züchtungsentwicklung, deren Einbettung in rechtliche Regimes und die ökonomischen Anreizmechanismen sind (vereinfacht gesprochen) auf Ertragssteigerung orientiert, die die Agrobiodiversität der Nutzpflanzen und tiere zunehmend einengt. Neue Möglichkeiten der Züchtungsmethoden insbesondere in der Gentechnik können ggf. die Homogenisierung noch verstärken (vgl. TAB 1998): durch das Einkreuzen der gleichen Eigenschaft in nur einige Hochleistungssorten und durch gleiche Eigenschaften (z.B. Herbizidresistenz) in allen (ökonomisch) wichtigen Nutzpflanzenarten ist die Uniformität bei transgenen Sorten noch höher als bei konventionellen Hochleistungssorten.

  • Politische und rechtliche Entwicklungen: Handels- und biodiversitätsbezogene Regime (WTO/ TRIPS, UPOV, CBD, Internationaler Saatgutvertrag und FAO-Politiken) überlagern sich ohne Vorrangregelung. Die Entwicklung kohärenter Governancestrukturen, die der Mehrebenenproblematik (lokale Nutzung und Pflege von Biodiversität, nationale und internationale Regulierung) gerecht werden, steht aus. Es besteht eine Diskrepanz der Entwicklung organisierter Interessen (global organisiertes Agribusiness vs. schwache Handlungskapazitäten ökologischer Landwirte, Kleinbauern und Tierhalter in Entwicklungsländern). Vorsorge- und Verursacherprinzip als wichtige umweltpolitische und rechtliche Instrumente sind allenfalls in Ansätzen verwirklicht. Die Zuweisung bestimmter Pflichten und die Regelung der Haftung für mögliche Schäden ist unter diesen Gesichtspunkt kaum entwickelt.

  • soziale Entwicklungen: Das gesellschaftliche Problembewusstsein über den Wert von Agrobiodiversität ist bislang gering ausgeprägt, breitere gesellschaftliche Aktivitäten zu diesem Thema sind noch kaum entwickelt. Gleichwohl sind erste politische Strategieansätze und Öffentlichkeitskampagnen auf den Weg gebracht. Das politische Feld formiert sich, doch die Debatte wird im wesentlichen in naturwissenschaftlichen Expertenzirkeln diskutiert und entschieden. Der Verlust von Wissen (auch kulturellem Wissen), der mit dem Verschwinden von Nutztieren und -pflanzen international und national einhergeht, bleibt weitgehend unbeachtet. Weltweit erhalten mehrheitlich Frauen Saatgut, Sorten- und Rassenvielfalt. In der Nord-Süd-Perspektive führt die weltmarktbedingte Homogenisierung zum Export der Generosion. Es fehlt bislang an Kenntnissen und Risikoabschätzungen zu den sozialen Auswirkungen.
Die z.T. dramatische Abnahme an Agrobiodiversität ist auf diese unterschiedlichen, gleichwohl komplex miteinander verwobenen Faktoren zurückzuführen (zusammenfassend z.B. WBGU 2000). Die gesellschaftlichen Naturverhältnisse, also das Geflecht der Beziehungen von Natur und Gesellschaft und das sich daraus herausbildende Muster haben in der Vergangenheit in der Landwirtschaft zur Entwicklung der Agrobiodiversität (im Sinne der Mitproduktivität) wesentlich beigetragen. Die Agrobiodiversität ist in diesem Sinne das Ergebnis der landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, welche zugleich in kulturelle und soziale Beziehungsmuster eingebettet sind.
In diesem Sinne führt die Homogenisierung der landwirtschaftlichen Produktionsweisen und Produ
kte nicht zuletzt durch Größenvorteile in der Produktion (economies of scale) tendenziell zu diseconomies of risk: die Verfügbarkeit des Genpools wird zunehmend und z.T. radikal eingeschränkt , womit zum Einen ein kultureller Verlust (Tiere, Pflanzen) zu verzeichnen ist, zum Anderen Entwicklungspotenziale eingeschränkt und mögliche Risiken im Hinblick auf die Ernährungssicherung vergrößert werden.
 
Der Verlust an Biodiversität bzw. Agrobiodiversität und deren Bewertung erweist sich allerdings als komplexes Problem vor dem Hintergrund des Aspekts Wissen / Nicht-Wissen: Zentral ist die Frage der Bewertung von Agrobiodiversität, die nicht unabhängig von Bewertungsansätzen und Wertehaltungen (u.a. ethischen Gesichtspunkten) diskutiert werden kann (vgl. WBGU 1999). Dementsprechend geht es auch um die Auslegung des Vorsorgeprinzips.

So stehen auf der einen Seite rationale Argumentationen im Vordergrund, wenn es um die Bewe
rtung des Risikos oder des Verlustes der Optionen aufgrund des abnehmenden Genpools geht. Auf der anderen Seite fließen Vorstellungen über den Umgang mit der Natur ein. Dabei sind die Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktionsformen eng mit Leitbildern (Leitideen) und damit der institutionellen Ausgestaltung dieser Leitbilder verbunden. Das Problem des Verlustes an Agrobiodiversität erfordert von daher eine Veränderung der Leitbilder im Sinne der Integration des Ziels des Erhalts von Agrobiodiversität in die Institutionen der landwirtschaftlichen Produktion.

Zugleich ist festzustellen, dass die Problematik der Agrobiodiversität einerseits ein globales, andere
rseits aber ein stark auf den jeweiligen regionalen Kontext bezogenes Problem darstellt. Die Auswirkungen des globalen Wandels prägen sich in den jeweiligen Kontexten unterschiedlich aus und führen zu spezifischen Verlusten der Agrobiodiversität. Im Gegensatz zur Klimaproblematik, die als verrechenbares Problem (CO2 Äquivalente) globalen Steuerungsversuchen tendenziell zugänglich ist (bspw. Kyoto-Protokoll), ist das Agrobiodiversitätsproblem, nicht zuletzt aufgrund fehlender Indikatoren, entsprechenden Ansätzen sehr viel weniger zugänglich. Zudem sind in-situ und on-farm Lösungsstrategien von der Form der Landwirtschaft abhängig, also konkret der wirtschaftlichen Nutzung: die Erhaltung und Förderung der Agrobiodiversität ist auf die Diversität wirtschaftlicher Nutzungen in den jeweiligen regionalen Kontexten angewiesen. Dies steht in einem eklatanten Spannungsverhältnis zu den Bedingungen des (Welt-) Marktes, der weniger an Qualitäten der Bewirtschaftungsformen und deren Wirkungen orientiert ist, als vielmehr an den Produkten und den Anforderungen an diese.
Im Rahmen des Forschungsvorhabens wird der Fokus auf einen Teilausschnitt der Biodivers
itätsproblematik, die Agrobiodiversität von Nutztieren und pflanzen gelegt. Dabei fokussiert das Forschungsvorhaben vor allem auf die Frage der Züchtung (Tiere und Pflanzen) und damit des Züchtungsregimes, dessen Einbettung in das landwirtschaftlich-industrielle System und dessen Entwicklungslogiken. Es fragt insbesondere nach Nutzungsformen der Ressourcen und nach den Bedingungen der Ermöglichung agrobiodiversitätsfördernder Ansätze. So wird deutlich, dass z.B. die ökologische Landwirtschaft zwar grundsätzlich zum Erhalt und der Entwicklung der Biodiversität durch die natürlichen Inputs beiträgt, dass aber die Zucht (Pflanzen und Tiere) ganz wesentlich an den Flaschenhälsen der konventionellen Landwirtschaft ansetzen muss. Züchtung stellt insofern ein zentrales Handlungsfeld der ganzheitlichen Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft dar und auch die Grundlage für eine nachhaltige biodiversitätserhaltende Landwirtschaft generell.